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AK FÜR SIE 04/2017
Ferngesteuert
in den Frühling
Fitness-Apps beim Sport, spielerische IT-Anwen-
dungen in der Arbeit: Technik soll uns neuerdings
positiv motivieren – oder manipulieren.
Glabuen Wissen
D
u hast heute mit 4.431 Schrit-
ten 186 Kalorien verbrannt“,
„Lass dich beim Laufen live von
deinen Facebook-Freunden an-
feuern!“ oder „15 Sit-ups feh-
len dir noch.“ Fitness- und Ge-
sundheitsapps mit Meldungen wie diesen
boomen im Frühling, wenn
die höheren Temperaturen zu
Sport im Freien locken.
Doch während bei den
NutzerInnen die Kilos purzeln
sollen, nehmen die Datensät-
ze der App-Hersteller zu.
Nicht immer freiwillig geben
wir Auskunft über unsere Gesundheit, unse-
ren Aufenthaltsort, unsere Sportgewohnhei-
ten und lassen uns vorgeben, wie wir trainie-
ren sollen. Doch wie verlässlich sind die
Programme? Lassen wir uns fernsteuern?
„Die Apps verwenden verallgemeinerte
Algorithmen, die auf keinen Fall auf jeden
und jede übertragen werden können“, er-
klärt Astrid Reif. Die Universitätsassistentin
am Institut für Sportwissenschaft in Wien
nutzt seit Jahren Sport-Apps für ihr Training.
Grundsätzlich stellt sie den Anwendungen
ein positives Zeugnis aus: „Für den Breiten-
sport sind die Apps sinnvoll, da sie die
Hobbysportler motivieren.“ Blindes Vertrau-
en in die Maschine könne
aber zu unpassenden Trai-
ningsumfängen und -inten-
sitäten führen.
Skeptisch steht die
Sportsoziologin auch dem
Veröffentlichen von Trai-
ningsergebnissen in sozia-
len Medien gegenüber: „Durch die Postings
baut man sich selbst Druck auf. Nicht jedes
Training soll ein Wettkampf sein, den jeder
sehen kann.“
Achtung, Überwachung
Nicht nur der soziale Druck, auch die
Technologie kann zu Verhaltensänderun-
gen des Einzelnen führen. „So genannte
persuasive, also überzeugende Technolo-
gien werden eingesetzt, um eine bewusste
Verhaltensänderung des Menschen zum
Positiven anzustoßen“, erklärt Alexander
Meschtscherjakov, Assistenz-Professor am
Center for Human-Computer Interaction
an der Universität Salzburg.
Das betrifft auch die Sport-Apps, die
zu mehr Bewegung animieren. „Diese
Technologien können positiv eingesetzt
werden, beinhalten aber auch Gefahren“,
weiß Meschtscherjakov. Eine sei die stän-
dige Überwachung. „Der App-Hersteller
weiß alles über mich.“
Mit dem Spieltrieb . . .
Zu welchen abstrusen Auswüchsen das
Absaugen von Daten führen kann, zeigt
jüngst der Fall eines kanadischen Vibrator-
Herstellers. Dieser muss wegen Verletzung
der Privatsphäre seiner KundInnen mehrere
Millionen Dollar Entschädigung zahlen.
Fotos: Thomas Lehmann
Sportsoziologin Astrid Reif kontrolliert, was
der Pulsmesser vom Handgelenk aufs Handy
überträgt: „Nicht blind vertrauen“
Apps: So bestimmen Sie die Technik
■
Vorsicht bei medizinischen Apps!
Ratschläge immer auch mit Ihrer ÄrztInnen absprechen.
■
Blutdruck, Herzfrequenz, Kalorienverbrauch:
Apps liefern oft falsche Ergebnisse „Die
Daten sollten eher als Orientierung gesehen werden“, rät
AK Expertin Zimmer.
■
Datenschutz:
Wenn möglich, den Apps nicht
pauschalen Zugriff auf die gesamten Daten erlauben.
■
Was passiert mit meinen Daten?
„App-Nutzerin-
nen und -Nutzer sollten auch jederzeit Zugriff auf ihre
gespeicherten Medizindaten haben und darüber
entscheiden können, wer sie einsehen und verwenden
kann“, meint Zimmer. Daher vorher immer auch die
Datenschutzerklärung lesen.
„Nicht jedes Training
soll ein Wettkampf
sein, den jeder sieht.“
Astrid Reif,
Sportsoziologin an
der Uni Wien
Sagt die Gesundheitsapp die
Wahrheit? Fragen Sie Ihren Arzt
Foto: picturedesk.com / Westend61 / Kike Arnaiz