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AK FÜR SIE 06/2018
Wissen
Das Kongerl ist Heimat
Wiens lange Geschichte als Bäderstadt zeigt sich im Kongressbad jeden
Sommer. Ein Report vom Beckenrand.
W
ir sind hier die Muppets.
Wir sitzen auf unserem
Bankerl und keppeln“.
Herbert Gleissner und Jo-
hann Sobotka zählen sich
selbst schon zum „Inven-
tar“ des Ottakringer Kongressbads. Gleiss-
ner hat über 50 Sommer im Kongressbad
verbracht. Jeden Tag sind die beiden hier,
genießen den Panoramablick über die
Liegewiese und führen Schmäh über die
anderen Badegäste. „Mit vier Jahren war ich
zum ersten Mal mit meiner Großmutter hier“,
erinnert sich Johann. „Und ich habe hier
schwimmen gelernt – und später auch viele
Mädchen kennengelernt“, sagt Herbert
schmunzelnd. „Das Bad ist unsere zweite
Heimat, man tratscht mit Bekannten, es ist
familiär und gemütlich“, meint Therese Alt-
mann, die ebenfalls zur gemeinsamen Bade-
runde von Herbert und Johann zählt.
Modernstes Bad 1928
Sie alle schätzen das Flair des „Kongerl“,
wie das Bad von seinen BesucherInnen
genannt wird –, die Verbindung von Tradi-
tion und Moderne. Immerhin wurde es be-
reits 1928 als damals modernstes und
größtes künstliches Freibad Wiens eröff-
net. Das „Schwimm-, Sonnen- und Luft-
bad“, wie es heute noch in großen Lettern
über dem Eingang prangt, war damals ei-
ne Sport- und Wettkampfarena mit 100-m-
Becken und 10-m-Sprungturm. Es war
auch ein lebendes Beispiel für die aufstre-
bende Arbeiterkultur im roten Wien. Die
Körperkultur wurde gepflegt – mit der
Freude an Bewegung und Sport. Gleich-
zeitig avancierte das Bad als Freizeittreff
mit einer eigenen Radiokoje auch zum
Hotspot für Publikumstanz und Boogie-
Woogie-Bewerben im Badekostüm.
Das, was die drei „Muppets“ schildern,
haben HistorikerInnen wie der Wiener Hu-
bert Christian Ehalt wissenschaftlich er-
forscht: Wien gilt gemeinsam mit Budapest
als Vorreiter in Sachen Badekultur. Das äl-
teste bekannte Bad an der Donau ist ein im