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Noch Fragen?

wien.arbeiterkammer.at

AK FÜR SIE 04/2015

9

E

s klingt oft so künstlich, was die Po-

litiker so sagen“, findet der 16-jähri-

ge Marco Tschemernjak. Das ist

ein Grund dafür, dass er Politik

eher uninteressant fand. Das hat sich ge-

ändert, seit der Lehrling für Informations-

und Kommunikationstechnik beim „Lehr-

lingsparlament“ im Nationalrat gemeinsam

mit 95 anderen jungen Frauen und Män-

nern selbst in die Rolle der Mächtigen

schlüpfen konnten.

Eigene Klubs, eigene Gesetze

Sie teilten sich in fünf „Klubs“ auf und erar-

beiteten Vorschläge zu einer fiktiven Ände-

rung im Berufsausbildungsgesetz, die den

Umgang in Betrieben mit Lehrlingen ver-

bessern soll. Sie wählten ihre Vorsitzenden

und diskutierten, welche Position sie im

Ausschuss und im Parlament der Lehrlinge

vertreten sollten. Damit alles wie in Echt ab-

lief, halfen Nationalratsabgeordnete, Exper-

tInnen und ParlamentsmitarbeiterInnen.

Marco war während der zwei Tage für

die Öffentlichkeitsarbeit auf Facebook zu-

ständig. „Die Abstimmungen waren sehr

spannend“, fand er. Vielleicht auch, weil

die Jugendlichen, anders als die Politiker-

Innen, die er aus dem Fernsehen kennt, für

ihn glaubwürdig ihre Meinung sagten.

Politik gilt als fad

Die Studie „Jugend und Politik“ des Insti-

tuts für Jugendkulturforschung zeigt, dass

die Hälfte aller 14- bis 18-Jährigen kein

Vertrauen in das politische System haben.

Vier von zehn Jugendlichen bezeichnen

sich selbst als „politikverdrossen“. Das hat

Konsequenzen: Die Wahlbeteiligung bei

jungen WählerInnen liegt mit 63 Prozent

deutlich unter der Gesamtwahlbeteiligung

von 80 Prozent.

Marco wollte das für sich nicht: „Ich

darf jetzt selbst wählen und kannte mich

bisher, ehrlich gesagt, nicht so gut aus“,

sagt er. In der Schule wäre das ein

Randthema gewesen. „Würden dort zum

Beispiel Politiker etwas über ihre Laufbahn

erzählen – dann wäre das schon viel span-

nender.“

Lehrlinge machten

„ihr“ eigenes Gesetz

96 junge Frauen und Männer übten im Nationalrat, wie ein

Gesetz entsteht. Die Initiative soll Interesse an Politik wecken.

Foto:s Thomas Lehmann

Auch Adrijana Ramaj fand Politik bisher

eher fad. „Auch meine Freunde interessiert

das nicht so. Die wenigsten wissen, wie

der Bundeskanzler heißt“, sagt die 19-Jäh-

rige, die Einzelhandelskauffrau lernt. „Beim

Lehrlingsparlament war das anders: Da

war meine Meinung was wert“, sagt sie.

Der kritische Blick

Das liege aber auch daran, dass die Politi-

kerInnen so weit von den Jugendlichen

entfernt seien: „Die sind alle viel älter, und

man glaubt schon manchmal, dass sie nur

lügen“, so Adrijana. Umso wichtiger sei der

kritische Blick, weiß Adrijana jetzt. Denn

sie durfte beim Lehrlingsparlament in die

Rolle der Journalistin schlüpfen. Jetzt sagt

sie: „Ich kriege langsam ein Gefühl dafür,

dass Politik Teamwork ist.“

Das Lehrlingsparlament war der Auf-

takt für weitere Angebote in Sachen politi-

sche Bildung für Lehrlinge im Parlament.

„Was hat Politik mit mir zu tun oder wer

vertritt meine Interessen, lauten Kernfra-

gen für junge Menschen“, meint Elisabeth

Schindler-Müller, Leiterin der Demokratie-

werkstatt. „Wobei diese Fragen dann oft

im direkten Dialog mit ParlamentarierInnen

behandelt werden. Dabei entwickeln die

Jugendlichen ein tieferes Verständnis für

parlamentarische Abläufe sowie, nicht zu-

letzt, für die Notwendigkeit von Kompro-

missen bei politischen Entscheidungen in

einer Demokratie.“

JELENA GUCANIN

Jung, frech, kritisch: Im „Lehrlingsparlament“

machten Jugendliche ihre eigenen Gesetze.

Im Nationalrat soll es künftig mehr Angebo-

te zum „Demokratielernen“ geben

Adrijana Ramaj (19) und Marco Tschemernjak

(16) im „Lehrlingsparlament“: Spannend wird’s,

wenn die eigene Meinung wirklich zählt